Was ganz sicher immer hilft!

Was im Umgang mit blinden Menschen vielleicht helfen könnte, hab ich vorgestern an gleicher Stelle beschrieben.
Was aber ganz, ganz sicher hilft im Umgang mit Menschen, egal ob diese behindert oder gesund sind, ist ein Mindestmaß an Aufrichtigkeit!!!
Und das gilt speziell dann, wenn die Beziehung zu dem Menschen eine nachhaltige sein soll. Bei jemandem, den man nur einmal im Leben trifft, oder jemandem, der einem nichts bedeutet ist Aufrichtigkeit vielleicht nicht ganz so wichtig.

Zum Beitrag: Was vielleicht helfen könnte!

Erkenntnis des Tages 7: Auf Garagen hingebrunzt.

Kleiner Exkurs in die Verhaltensforschung, oder wie man beweisen kann, dass der Mann vom Tier abstammt:
Früher haben die Männchen mit Urin ihr Revier markiert, damit alle Konkurrenten gewusst haben: „Hoppla das gehört schon jemand!“ und alle Weibchen die Sicherheit hatten:“Ah, da ist jemand, der passt auf mich auf. Hm, das riecht wie von einem Großen!“ Heute bauen die Männer häufig als Erstes eine Garage auf ihr Revier, damit alle Konkurrenten wissen:“Hoppla, hier darf ich nicht parken und die Ausfahrt soll ich auch freihalten.“ Und damit alle potenziellen paarungsbereiten Weibchen (darf heute natürlich nicht unerwähnt bleiben, auch paarungsbereiten Männchen) sicher sein können:“Der hat platz für einen Großen. Mit dem kann er mich durch die Gegend fahren.“ Und übrigens, an diese Garage können die tierischen Männchen dann wieder b.. Und so schließt sich der evolutionsbiologische Kreis.

Erkenntnis des Tages 4 – Nichts Besonderes

Mein ganzes Leben lang habe ich den Wunsch gehabt, normal zu sein. Und das unterscheidet mich von allen anderen in meinem Umfeld!
Ich habe den Eindruck, es ist für fast jeden Einzelnen immer wichtiger, beinahe unabdingbar, etwas Besonderes zu sein.
Und wenn sie oder er keine Möglichkeit findet, selbst aus der Masse herauszustechen, dann sucht er sich Ersatz. Der eigene Garten scheint oft die einfachste Möglichkeit dafür zu sein. Der größte Kohlrabi, der gepflegteste Rasen, „Diesen Strauch hab ich noch nie gesehen!“, „Wunderschön, der neue Rosenbogen!“

Mein ganzes Leben lang habe ich den Wunsch gehabt, normal zu sein, hätte alles getan, um mir diesen Wunsch zu erfüllen. Andere tun alles, um etwas Besonderes zu sein, heischen ihr ganzes Leben nach Lob und Alleinstellung.
Man möge mir verzeihen, wenn ich das nicht verstehe!

Können sie mir helfen?

Furcht:

Die U-Bahntüren öffnen sich. Ich taste mit der Spitze des weißen Stockes nach dem Bahnsteig, steige über den Spalt, quere den Bahnsteig bis zur Wand. Jemand springt über den Stock. Erleichterung: „Das war knapp!“ Ich drehe mich nach links, folge der Wand bis zu den aus der Unterwelt führenden Stufen, wie ich das jeden Tag am Heimweg tue. Vor dem Aufstieg stoppe ich kurz. Ein Druck auf die Armbanduhr. „Pling – Es ist dreiundzwanzig Uhr und dreißig Minute.“ Zwei oder drei Gehetzte überholen mich. „Die nächste Straßenbahn geht um 23 Uhr 39. Die kann ich erreichen.“ Bis zum ersten Treppenabsatz, Stufe für Stufe tastend, dann links, hinauf über die nächste Treppe, geradeaus durch die Teiler. Weiter zu den Ausgangstüren. „Aufpassen, die schnalzen immer so schnell zurück!“ Draußen. Gerade weiter im Fahrzeuglärm, der den Urban Loritz Platz umschließt. Nach 17 Schritten: Die Stockspitze prallt, vibrierendes Scheppern auslösend, gegen ein Hindernis, ein Bauzaun! „Der war mittags noch nicht da.“ Warten, ob mir jemand zu Hilfe kommen könnte. „Nein“ Kein Mensch zu hören. Kurz überlegen, ob ich nach links oder rechts ausweichen soll. „Nach links!“ Ich taste, schlage eher nach der Absperrung, metallische dröhnende Schläge, die Motorengeheul und Bremsengequietsche überdecken. Nach ein paar Metern: Der Bauzaun ändert die Richtung, Er biegt nach links ab, ich folge. Dann windet sich die Absperrung nach rechts. Ich folge abermals, überquere mit dem Zaun Straßenbahngeleise, um danach mit dem Stock eine Stufe zu tasten. Vor mir versperrt ein Geländer den Weg auf die Fahrbahn des Neubaugürtels. „… was auch sinnvoll ist“, denke ich und habe danach die Erkenntnis: „Hier gehts nicht weiter!“

Angst:

Zwei Stimmen kommen näher: „Können sie mir helfen? Ich bin blind und weis nicht mehr weiter. Ich müsste zum Neunundvierziger Richtung Hütteldorf?“
„Na schau, a Blinda!“ Ein Klaps auf den Hinterkopf, ein Schlag in den Bauch. Stechen erfüllt den gesamten Körper. Mein weißer Gesell entgleitet mir. Als der Stich nachlässt, liege ich am kalten, gepflasterten Boden.
Die zwei Stimmen nur noch als Fragmente im Rauschen der mich umschließenden Gürtelautobahn.
„Jetzt ruhig bleiben, keine Panik!“ Der Versuch, auf die Beine zu kommen scheitert. „Wo ist mein Stock?“ Das tastende Suchen nach dem Blindenstock scheitert auch.
„Weg! Der Stock ist weg!“
Der Gedanke, wie viel Cortisol meine Nebennierenrinde jetzt wohl ausstoßen würde, erschreckt mich selbst. „Wie kannst du jetzt an so was denken.“ Erneutes Tasten nach dem Stock. „Jetzt ruhig bleiben, keine Panik, keine Panik!“ Schon jetzt kommt mir das wie ein Mantra vor. „Keine Panik hilft mir jetzt auch nicht. Ich muss warten bis jemand kommt.“
Das Tosen des nächtlichen Gürtelverkehrs wird unerträglich. Ich halte mir die Ohren zu. „Ohren auf, sonst hörst du nicht, wenn jemand kommt!“
Ich schreie gegen den Verkehr, ich beschimpfe die Automonster, ich flehe um Hilfe.

Todesangst:

Stimmen nähern sich. „Sind das die selben, wie vorhin? Nein.“ Man packt mich an den Armen, löst mich vom kalten Nachtboden. „Danke, danke, bitte können sie mir helfen, ich bin gestürzt und finde meinen Blindenstock nicht mehr!“
„Find er sein Stock nimma? Oama Blinda, Schmarotzersau!“ In dem Moment, in dem ich erneut zu Boden gehe: „Ich bin ein Trottel, es waren die selben Stimmen!“
Stille. Resignation.
„Ich will, dass es aus ist!
Mama, ich danke dir, dass du so viel geopfert hast, um deinem blinden Sohn so ein Leben zu ermöglichen.“
„Werd ich jemand fehlen, Nein, naja vielleicht meinen Klienten, was werden die von mir denken, wenn ich morgen nicht zu den vereinbarten Terminen erscheine. Wenn ich doch noch absagen könnte!“
„Arschlöcher, solche Dreckschweine!“
„Bei meinem Nachbarn würd‘ ich mich gern noch entschuldigen. Dem hab ich wohl Unrecht getan.
„Ich bin selber schuld.“
„Rio hätte ich gern noch mal besucht, aber jetzt will ich, dass es endlich aus ist!“

Lösung:

Ich spüre Bewegung. Entfernt vernehme ich eine weibliche Stimme: „Kann ich ihnen helfen?“ Sturzbäche entspringen aus meinen toten Augen. Der jetzt wieder lärmende Verkehr wirkt auf mich wie Musik. Ich flehe: „Bitte, bitte, bitte, wo ist mein Blindenstock?“