Zurück an den Anfang!

Ist schön heute,
der erste Frühlingstag heute,
da könnten wir raus gehen heute,
nach dem Mittagessen in der Allee spazieren gehen heute.

Aber ist Sonntag heute,
werden viele andere die gleichen Pläne haben heute,
und die werden ihre Pläne auch in die Tat umsetzen heute.

Dann werden viele Leute in der Allee sein heute,
und wir werden unseren Plan doch wieder einmal aufgeben heute
wir werden dann doch lieber zu Hause bleiben heute,
damit wir niemanden beschämen heute,
damit niemand von uns peinlich berührt sein wird heute,
an diesem ersten Frühlingssonntag heute.

Und den ganzen Sonntag lang heute werde ich denjenigen danksagen, die uns einst darauf aufmerksam gemacht haben, weshalb uns die Menschen hier im Städtchen aus dem Weg gehen!

Ich habe auch meine Bedürfnisse – oder – damit ich auch zu etwas komme! 8

Heute: Hier und jetzt jenes Bedürfnis zu nennen, das ich in diesem Moment habe, würde von Manchen als bodenlose Frechheit aufgefasst werden. Drum lasse ich es lieber. Obwohl, Andere als jene Manchen würden es vielleicht sogar als Genugtuung empfinden!

Hiermit schließe ich die „WOCHE DER EIGENEN BEDÜRFNISSE“ mit der Erkenntnis und dem Link:
Während für die Einen das Ansprechen eines Themas eine „Frechheit“ ist, ist es für die Anderen ein „das-Leben-bestimmende Bedürfnis“!

Alois B. – Hero Of The Day

– oder: Die Entstehung von Kartoffelbraille

Aufgenommen während der Zubereitung des Mittags-Menüs am Neujahrstag 2018, um ca. 10:25

Einblendung in weißen Buchstaben: Alois B. – Hero Of The Day
Etwas kleiner, oberhalb in schwarzer Schrift: Louis Braille 4. Januar 1809 – 6.Januar 1852
Eine umrißhaft erkennbare flimmernde Szene in Grautönen: Hände legen mit kugeligen Objekten in Brailleschrift das Wort „RUNENSCHRIFT“ auf ein kariertes Tuch.
Die Hände verschieben ein paar Objekte und aus „RUNENSCHRIFT“ wird „RIESENSCHRITT“.
Hoppla, offensichtlich passiert nun ein Fehler: „RiESENSCHRITT“ wird zu „…“. Sogleich werden die Kügelchen zur „PUNKTSCHRIFT“ angeordnet.
Das Schemenhafte Bild wird konkret. Die kugelförmigen Objekte werden zu Kartoffeln, die auf einem blau-weiß kariertem Geschirrtuch liegen. Hände raffen dieses zusammen, nehmen es mitsamt den Knollen weg und legen in die Mitte des Bildes eine Herzförmige Kartoffel.
Es folgen nacheinander die Einblendungen:
—
Man kann Schrift als eine Art konspirativen „Geheimcode“betrachten, der Eingeweihten Zugang zu Information ermöglicht.
Man kann Schrift aber auch dazu verwenden, Information möglichst vielen zugänglich zu machen.
—
Hierfür jedoch muss die Schrift selbst zugänglich sein! Louis Braille hat Buchstaben fassbar gemacht und UNS BLINDEN damit breiten Zugang zu Geschriebenem ermöglicht.
—
In der Hoffnung, dass Information für ALLE direkt zugänglich bleibt oder wird.
—
In der Angst, dass diese Zugänglichkeit im Postfaktischen Zeitalter gefährdet ist!

p.s. Traditionellerweise widmen wir uns im ersten Medienprojekt des Jahres Louis Braille, dem Erfinder der nach ihm benannten Brailleschrift.

Topfenstrudel mit Vanillesauce

Beim Stöbern in meinem Archiv bin ich gestern auf einen Text gestoßen, den ich 2012 als Beitrag für einen Adventkalender verfasst habe. Damals hat meine Mutter, die in diesem Erlebnisbericht vorkommt, noch gelebt, und ich konnte ihr den Text vorlesen. Wir haben beide sehr lachen müssen und sind in anekdotische Erinnerungen verfallen. In der Vorweihnachtszeit denke ich noch häufiger als sonst an meine mittlerweile verstorbene Mutter. Weihnachten war ihr Fest, auch wegen der mehr als besonderen Ereignisse im Dezember 1944, die sie Zeit ihres Lebens mit diesem Fest verbunden hat. Das ist aber eine andere, viel größere Geschichte, die zu erzählen … vielleicht ein andermal. Genug der Abschweifung. Im folgenden Text geht es um ein Erlebnis aus der Zeit, als ich in der Zinckgasse im 15. Wiener Bezirk die Sonderschule für Sehbehinderte besucht habe, ein Advent-Erlebnis aus meiner Volksschulzeit.

12. Als ich Udo Jürgensingen hörte.

Veröffentlicht am 12. Dezember 2012

Es muss im Jahr 1978 oder 79 gewesen sein. Auf jeden Fall war es in jenem Jahr, als die erste Licht ins Dunkel Gala in der Aula der Wiener UNO City stattfand. Denn genau diese Gala besuchten wir, nicht alle von uns, aber doch die Meisten, nach dem folgendes geschehen war:
Schon am Morgen dieses Tages war alles irgendwie anders: Onkel Gerhard, der uns sonst eher genervt, fast ein wenig rüde geweckt hatte, schien an diesem Tag so sanftmütig. Er begleitete uns sogar zum Waschraum am Ende des Internatsganges und achtete penibel drauf, dass sich alle gründlich wuschen: „Auch den Hals sauber machen!“, ermahnte er einen meiner Mitzöglinge in der Lacknergasse. Nachdem wir uns angezogen hatten, kontrollierte er auch noch unsere Kleidung, was noch nie vorgekommen war.
Dann ging es wie jeden Tag mit dem Bus in die Schule.
Spätestens als ich nach dem Unterricht das Schulgebäude verlies und wieder den Bus bestieg – halt, das war nicht der gleiche Bus, wie am Morgen, der roch völlig anders, irgendwie neu, dachte ich – also spätestens in diesem Moment war ich mir sicher: „Heute muss ein ganz besonderer Tag sein!“
Obwohl bereits alle mitzunehmenden Internatsschüler im Bus saßen, fuhr dieser nicht ab. Schüchterne Unmutsäußerungen: „Wann gehts den los, foa ma!“ verstummten sofort, als die Schul- und die Internatsdirektorin den Bus betraten: „Wir haben eine Überraschung für euch!“, eröffnete uns eine der beiden. Und gemeinsam klärten sie uns dann auf, weshalb dies so ein besonderer Tag war.
Wir würden heute nicht zum Mittagessen ins Internat fahren, wir seien eingeladen. Zu diesem besonderen Anlass hätte uns die Firma Dr. Richard sogar einen ganz neuen Bus geschickt, so neu, dass noch nicht einmal das Dr. Richard Firmenlogo auf den Bus gemalt werden konnte. „Aha, ich hatte recht, der Bus ist neu!“ freute ich mich. Und gleich folgte die nächste Überraschung: Und dazu seien auch unsere Eltern eingeladen. In diesem Moment zwängten sich Mütter und Väter vorbei an der Direktorenschaft durch den engen Gang zwischen den Sitzreihen zu ihren Kindern. Manchen meiner Mitschüler war in diesem Augenblick wohl das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Und auch ich fühlte mich irgendwie ertappt, freute mich aber dann doch sehr, meine Mutter neben mir sitzen zu haben, Und ab ging’s auf die Sophienalpe.
Dort aßen wir zu Mittag. Was wir dort als Hauptgang bekamen, weiß ich heute nicht mehr. Als Nachspeise gab es Topfenstrudel mit Vanillesauce. Daran erinnere ich mich noch, als ob der besondere Tag gestern gewesen wäre.
„Mama, das ist grauslich!“ entkam es mir und auch von den anderen Tischen vernahm man ähnliche Kommentare.
„Das darf man nicht sagen, wenn man eingeladen ist“, wies mich meine Mutter zurecht. Dass ich trotzdem aufessen sollte, brauchte sie nicht dazu sagen. Das hab ich schon im Internatsspeisesaal bei Blutwurst und Beuschel gelernt.
Nach dem Essen bestiegen wir wieder den unbefleckt weißen Dr. Richard Bus. und fuhren ab Richtung Wiener Uno City. Den Besuch der „Licht ins Dunkel Gala“ hatten uns die Direktorinnen schon während der Nachspeise angekündigt. Vielleicht, um uns zu motivieren, den Strudel aufzuessen.
Zuerst galt es aber noch die Serpentinen der Höhenstraße hinunter nach Wien zu bewältigen. Normalerweise kein Problem. Doch nach einem offensichtlich verdorbenen Topfenstrudel mit Vanillesauce schon. Was soll ich sagen: Unten angekommen roch der blütenweiße Dr. Richard Bus nicht mehr neu.
Sicher zwei drittel der Schüler und Eltern, auch eine der Direktorinnen, mussten sich den Berg hinunter übergeben. In der gebotenen Eile waren in diesem beinahe kollektiven Erbrechen natürlich nicht genug Säckchen und Tüten aufzutreiben, um die Topfenstrudelreste einzusacken. Und so blieb dem Busfahrer am Fuß des Kahlembergs nichts mehr anderes übrig , als zu erst fluchend, dan heulend festzustellen: „Vor ana viertl Stund war der Bus nu Fabrikneich, jetzt stinkt a wia a Saustoi!“
Weiter ging’s zur Notfall-Ambulanz des AKH.
Dort mußten doch nur drei meiner Mitschüler aufgenommen werden. Die anderen und auch ich hatten sich mittlerweile erfangen. Während der Wartezeit in der Ambulanz konnte der Busfahrer auch ein anderes Fahrzeug aus der Dr. Richard Garage auftreiben. An so einem besonderem Tag war sogar das möglich!.
Etwas zu spät , aber doch, kamen nicht alle, aber doch die Meisten von uns dann in die UNO City. Nach bestandener Personenkontrolle betraten wir, wahrscheinlich nicht unbedingt wohl riechend den Saal, während Udo Jürgens sein: „Alle Blumen blüh’n gleich“ voller Inbrunst schmetterte.
Nach der Show gab mir sogar Peter Rapp die Hand. Das war schon damals für mich nichts wirklich Besonderes, aber für meine Mutter schon. Und noch heute, mehr als dreißig Jahre später schildert sie mir gelegentlich dieses Bild, als ich Peter Rapp die Hand gab. Mir ist dreißig Jahre später eher der Topfenstrudel in Erinnerung.
Und nur falls es jemanden interessiert: Ich hab ihn nicht befleckt, den makellosen, Fabriksneuen Dr. Richard Bus!
—