Können sie mir helfen?

Furcht:

Die U-Bahntüren öffnen sich. Ich taste mit der Spitze des weißen Stockes nach dem Bahnsteig, steige über den Spalt, quere den Bahnsteig bis zur Wand. Jemand springt über den Stock. Erleichterung: „Das war knapp!“ Ich drehe mich nach links, folge der Wand bis zu den aus der Unterwelt führenden Stufen, wie ich das jeden Tag am Heimweg tue. Vor dem Aufstieg stoppe ich kurz. Ein Druck auf die Armbanduhr. „Pling – Es ist dreiundzwanzig Uhr und dreißig Minute.“ Zwei oder drei Gehetzte überholen mich. „Die nächste Straßenbahn geht um 23 Uhr 39. Die kann ich erreichen.“ Bis zum ersten Treppenabsatz, Stufe für Stufe tastend, dann links, hinauf über die nächste Treppe, geradeaus durch die Teiler. Weiter zu den Ausgangstüren. „Aufpassen, die schnalzen immer so schnell zurück!“ Draußen. Gerade weiter im Fahrzeuglärm, der den Urban Loritz Platz umschließt. Nach 17 Schritten: Die Stockspitze prallt, vibrierendes Scheppern auslösend, gegen ein Hindernis, ein Bauzaun! „Der war mittags noch nicht da.“ Warten, ob mir jemand zu Hilfe kommen könnte. „Nein“ Kein Mensch zu hören. Kurz überlegen, ob ich nach links oder rechts ausweichen soll. „Nach links!“ Ich taste, schlage eher nach der Absperrung, metallische dröhnende Schläge, die Motorengeheul und Bremsengequietsche überdecken. Nach ein paar Metern: Der Bauzaun ändert die Richtung, Er biegt nach links ab, ich folge. Dann windet sich die Absperrung nach rechts. Ich folge abermals, überquere mit dem Zaun Straßenbahngeleise, um danach mit dem Stock eine Stufe zu tasten. Vor mir versperrt ein Geländer den Weg auf die Fahrbahn des Neubaugürtels. „… was auch sinnvoll ist“, denke ich und habe danach die Erkenntnis: „Hier gehts nicht weiter!“

Angst:

Zwei Stimmen kommen näher: „Können sie mir helfen? Ich bin blind und weis nicht mehr weiter. Ich müsste zum Neunundvierziger Richtung Hütteldorf?“
„Na schau, a Blinda!“ Ein Klaps auf den Hinterkopf, ein Schlag in den Bauch. Stechen erfüllt den gesamten Körper. Mein weißer Gesell entgleitet mir. Als der Stich nachlässt, liege ich am kalten, gepflasterten Boden.
Die zwei Stimmen nur noch als Fragmente im Rauschen der mich umschließenden Gürtelautobahn.
„Jetzt ruhig bleiben, keine Panik!“ Der Versuch, auf die Beine zu kommen scheitert. „Wo ist mein Stock?“ Das tastende Suchen nach dem Blindenstock scheitert auch.
„Weg! Der Stock ist weg!“
Der Gedanke, wie viel Cortisol meine Nebennierenrinde jetzt wohl ausstoßen würde, erschreckt mich selbst. „Wie kannst du jetzt an so was denken.“ Erneutes Tasten nach dem Stock. „Jetzt ruhig bleiben, keine Panik, keine Panik!“ Schon jetzt kommt mir das wie ein Mantra vor. „Keine Panik hilft mir jetzt auch nicht. Ich muss warten bis jemand kommt.“
Das Tosen des nächtlichen Gürtelverkehrs wird unerträglich. Ich halte mir die Ohren zu. „Ohren auf, sonst hörst du nicht, wenn jemand kommt!“
Ich schreie gegen den Verkehr, ich beschimpfe die Automonster, ich flehe um Hilfe.

Todesangst:

Stimmen nähern sich. „Sind das die selben, wie vorhin? Nein.“ Man packt mich an den Armen, löst mich vom kalten Nachtboden. „Danke, danke, bitte können sie mir helfen, ich bin gestürzt und finde meinen Blindenstock nicht mehr!“
„Find er sein Stock nimma? Oama Blinda, Schmarotzersau!“ In dem Moment, in dem ich erneut zu Boden gehe: „Ich bin ein Trottel, es waren die selben Stimmen!“
Stille. Resignation.
„Ich will, dass es aus ist!
Mama, ich danke dir, dass du so viel geopfert hast, um deinem blinden Sohn so ein Leben zu ermöglichen.“
„Werd ich jemand fehlen, Nein, naja vielleicht meinen Klienten, was werden die von mir denken, wenn ich morgen nicht zu den vereinbarten Terminen erscheine. Wenn ich doch noch absagen könnte!“
„Arschlöcher, solche Dreckschweine!“
„Bei meinem Nachbarn würd‘ ich mich gern noch entschuldigen. Dem hab ich wohl Unrecht getan.
„Ich bin selber schuld.“
„Rio hätte ich gern noch mal besucht, aber jetzt will ich, dass es endlich aus ist!“

Lösung:

Ich spüre Bewegung. Entfernt vernehme ich eine weibliche Stimme: „Kann ich ihnen helfen?“ Sturzbäche entspringen aus meinen toten Augen. Der jetzt wieder lärmende Verkehr wirkt auf mich wie Musik. Ich flehe: „Bitte, bitte, bitte, wo ist mein Blindenstock?“

Prolog

„Peinlich berührt werden sie.“ und
„Beschämt sind sie, wenn sie dich sehen – mit deinem Blindenstock.“ und
„Deshalb grüßen dich Leute, die dich früher kannten, nicht mehr, deshalb sprechen sie dich nicht an.“,
hat mir eine alte Bekannte erklärt, als ich nach dem Grund dafür gefragt habe, weshalb mich niemand mehr in der Öffentlichkeit grüßt, Sogar Menschen, mit denen ich vor dem Weißen Stock häufig zu tun hatte oder gar befreundet war oder verwandt bin scheinen mich nicht mehr zu kennen, habe ich gedacht. Aber jetzt weis ich, sie kennen mich noch! Mein Anblick berührt die Menschen peinlich und beschämt sie?
Und das will ich eigentlich nicht!
Hätte ich die Frage bloß nie gestellt!
Was soll ich jetzt tun? Mich verstecken? Nach Menschen suchen, die ich nicht peinlich berühre? Oder gar Leuten glauben, die der Meinung sind, es lege nicht an mir, sondern an meiner Umwelt, die mich behindert?

Vielleicht kann mir die Leserin, der Leser dabei helfen, für mich ein Bild davon zu formen, was meine Nächsten von mir denken.
Und bis dahin muss ich wohl das glauben, was mir meine alte Bekannte gesagt hat, auch wenn es sehr schwer fällt und mich manchmal lähmt. Denn was ich auf keinen Fall möchte: Dass sich Menschen beschämt fühlen, dass sie Schmerz verspüren, nur weil sie mich sehen.