Was hat der sich wieder aufgeregt! So laut hat er ins Telefon gebrüllt, dass das linke Ohr, welches sie am anderen Ende der Leitung an den Hörer gedrückt gehalten hat, schon nach seinen ersten Worten zu schmerzen begonnen hat. „Warum hast du mir nicht …, ich hätte doch gern der Familie …, er war doch mein …, zum Nachtwachen wenigstens wär ich gern …, ich hab doch ein recht darauf zu wissen, …“ und noch ein paar weitere solche vorwurfsvolle Sätze hat er ins Telefon geschrien.
Daraufhin hat sie das Telefonat beendet. Sie hat gewusst, sie hatte recht gehabt, als sie sich vor zweieinhalb Wochen entschlossen hatte, ihm den Tod seines besten Schulfreundes zu verschweigen. „Der regt sich wieder furchtbar auf, wenn ich ihm das sage. Das muss ich mir nicht antun! Das erfährt der eh von irgend jemand.“
Kategorie: Texte
Kurze Geschichte von Apfelstrudel und Totenruhe oder Sama a bissl empfindlich, oda wos?
Auf die steinerne Tischplatte hat er gekotzt. Dabei hatte der Cousin nur wahrheitsgemäß auf seine Frage, woher sie diese edle, teure neue Tischplatte hätten, geantwortet: „Vom Friedhof, die hat nix gekostet, da haben´s ein Grab aufgelassen und ich war grad da, haha, oft hat man ein Glück, was?“ Gleich nach dem „was?“ haben zwei Stücke Apfelstrudel, vier Löffel Schlagobers, eine Tasse Kaffee mit Milch und Zucker und auch das kleine Likörchen seinen Körper in leicht anverdautem Zustand schwallartig verlassen und die blank polierte schwarze Granitplatte im Garten seines Vetters sowie die darauf von dessen Frau drapierte Kaffeejause besudelt.
Jetzt riecht es etwas unappetitlich und der steinerne Gartentisch ist verweist. Die feine Gesellschaft hat beschlossen, die zweite Tasse Kaffee und das dritte Stückchen Strudel drinnen im Haus des Cousins einzunehmen. Einzig dessen Gattin umschwärmt den Tisch, einen gelben Lappen in der Hand führend und damit routiniert schrubbend. Sie weiß, wie man das edle Stück sauber bekommt. Oft genug hat sie am städtischen Friedhof den Taubendreck vom Grabstein ihrer verstorbenen Großeltern waschen müssen. „Damit das Andenken unserer Vorfahren nicht gestört wird!“
Der sieht das eh nicht – 15, Revision (Finale Version) 25.4.18

Von einer Wunderfotografie soll hier die Rede sein. Von einem Bild, auf dem mehrere Personen zu erkennen sind. Aber eine der Personen verschwindet von diesem Foto, je nach dem, wer dieses Bild gerade betrachtet.
Mehr als rätselhaft, eher völlig unglaubwürdig schien mir die Geschichte des Wunderbildes, als er sie mir vor zwei oder drei Jahren in der Pause eines Konzerts der Biermösl Blasn im hiesigen Stadtsaal das erste mal erzählt hatte:
Fünf oder sechs Menschen als Familie angeordnet befinden sich auf dem Bildnis. Genau weiß er es nicht, weil man es auch gar nicht wirklich wissen könne. Angeblich sei auch er auf dem Foto. Aber er selbst hat sich noch nie darauf gesehen. Wenn nun ein Nachbar vor das Familienfoto tritt und zuerst das Bild, dann ihn ansieht, ja dann wäre sein Urteil Eindeutig. Ja, sechs Personen seien auf dem Foto. Und er? Ja, er sei auch dabei! Wenn seine Eltern und Geschwister vor dem Foto stehen, dann verschwindet er sofort von demselben. Und dann wurde es noch verwirrender: Wenn nun seine Eltern gemeinsam mit jenem Nachbarn, der ihn gerade noch auf dem edel gerahmten Bild erkannt hat, das Foto betrachten: Sofort sei er weg! Keine spur von ihm auf dem Gruppenbild.
„Verwirrend, unglaubwürdig, nicht nachvollziehbar“, denken sie? Ich dachte das auch. Und dennoch werde ich im Folgenden versuchen, die Geschichte dieses Wunderbildes schlüssig darzulegen. Davor erlaube ich mir aber noch, sie, werte Leserin, werter Leser, um Verständnis dafür zu bitten, dass ich einige der absurdesten Aspekte dieser Geschichte verschweige. Obwohl für mich mittlerweile absolut zweifelsfrei erwiesen, würden manche Details der hier zu Schildernden Tatsachen der Glaubwürdigkeit dieser Geschichte eher schaden und sie werte Leserin, werten Leser in noch größerer Ratlosigkeit oder Entrüstung zurücklassen, als dies ohnehin der Fall sein wird.
Und nun machen sie sich selbst ein Bild:
1.Die Menschen setzen
Prämisse:
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Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.
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UN Resolution 217 A (III) vom 10.12.1948
2.den Blinden
„Ich möchte das nicht!“, sagte er. „Lass das bitte!“ oder „Mach das nicht, sonst wirst du …“. Er hat auch mal laut geschrien. „Nein!“, hat er gerufen. Fast drohend oder Angst machend war das für sie.
Immer häufiger wollte er etwas nicht, wollte nicht, wovon sie überzeugt waren. „Es ist gut für ihn“, dachten sie, „Das ist doch richtig so.“ Was sie belustigte, wollte er immer öfter nicht. Was sie erfreute verneinte er mehr und mehr.
Jedesmal, wenn er das „Beste für Ihn“ ablehnte, standen sie vor der Entscheidung: „Lassen wir’s oder machen wir’s und sorgen dafür, dass er’s nicht erfährt?“
Das eine mal hat er es sogar abgelehnt, mit auf das Familienfoto geknipst zu werden. Seine Gründe dafür? Unerfindlich, unerklärlich absurd, „Was weis ich?“, „Was der schon wieder hat?“
„Egal“, dachten sie „Kopieren wir ihn eben drauf aufs Foto“, dachten sie, „Wir haben da noch ein älteres Bildchen!“, dachten sie. „Die moderne Technik macht’s möglich“, wussten sie, und „Der sieht das Foto sowieso nicht, weil er blind ist!“, wussten sie auch. Zu ihm sagten sie: „Na gut dann halt nicht!“
3.ins Bild
Edler Rahmen umschließt das Familienfoto. Gleich gegenüber der Eingangstür wird es in einem beinahe feierlichen Akt, die gesamte Familie hat sich zu diesem Anlass auf Geheiß der Mutter im Flur versammelt, an der Wand befestigt.
„Du wolltest ja nicht drauf!“, sagen sie. Erleichtert nimmt er diesen Satz wahr. „Hier sieht es jeder, der in unser Haus kommt!“ meinen sie. Dieser Satz lässt seine Erleichterung wieder verfliegen. „Ich bin nicht jeder“, denkt er und fasst seinen weißen Stock fester.
Das „Dingdengdongdidong“ der Türglocke unterbricht die Zeremonie.
„Das ist das neue Familienfoto!“, meint Frau Polatz noch bevor sie alle mit nachbarschaftlichem Händedruck begrüßt. „Sehr schön, und die ganze Familie ist drauf, der Opa, die Eltern und alle drei Kinder! Schau da ist ja sogar der …“. Einem dumpfen Schlag und allgemeinem Raunen folgend setzt die Nachbarin den Satz erst stockend, dann stotternd fort: „… Ah, eh, hm, nein da hab ich mich wohl verschaut. Das ist ja gar nicht der …“. Das verlegene, gezwungene Lachen von Frau Polatz nimmt er nur noch von Weitem war. Im selben Moment, in dem er nicht weis, ob er laut „Nein“ schreien muss, oder ob er sie wieder einmal bitten soll, sowas doch nicht zu tun, springt sein Geist ins damals. Vor ihm stehen die beiden Burschen. Direkt vor ihm beschließen sie lautstark: „He, den Blinden legen wir jetzt!!“ Er muss gar nicht hinhören. Sie besiegeln sein Schicksal unüberhörbar. Es ist unausweichlich. Er weis nicht: „Soll ich jetzt laut Nein schreien, oder He Buaschn, lossts des bitte sagen?“ Er kracht mit dem Kinn zuerst auf die Pflastersteine vor dem kleinstädtischen Rathaus. „Host des eh alles drauf?“, hört er den mit der tieferen Stimme sagen.
Während dessen erlöst ihn der verabschiedende Händedruck von Frau Polatz aus dieser Qual, wirft ihn aber zugleich in den unvergleichlich größeren Schmerz zurück.
„Lasst das bitte!“ oder „Wenn ihr dass nochmal, dann …“, möchte er zu ihnen sagen. Und sie stünden wieder vor der Entscheidung: „Wir lassen es, weil er es nicht will!“ oder „Wir machen es und sorgen dafür, dass er es nie erfährt! Er sieht ja eh nix!“
Diesmal sagt er aber nichts, schreit auch nicht. Er kennt ihre Entscheidung schon. Statt dessen umfasst er seinen weißen Stock noch etwas enger und tastet sich über die Schwelle der Eingangstüre ins Freie.
„Wegen mir muss die Nachbarin jetzt jedesmal Lügen, wenn sie unser Haus betritt“, denkt er und „Das will ich nicht“, denkt er und „Das kann nicht mehr mein Zu Hause sein!“, denkt er und geht.
4.der Anderen.
„Herta hat auch für dich eine Einladung da gelassen.“ und „Aber du wirst ja eh nicht mit gehen wollen!“, haben sie zu ihm gesagt.
Er nimmt das feste, leicht geriffelte Papier aus dem Flachbettscanner. Mit „Ich freue mich auf Eueren Besuch!“ hatte Frau Polatz die Einladung zu Ihrer 60er Feier enden lassen. „Lieber wäre mir gewesen, sie hätte es mir persönlich gesagt!“, wünscht er sich. „Aber die moderne Technik macht’s möglich.“ Die Computerstimme, welche ihm die Einladung vorgelesen hat, erinnert ihn jetzt sogar ein wenig an den Klang der Nachbarin, dieses Überdeutliche und das nicht zu hörende aber doch zu ahnende Näseln, speziell in den Stimmsenkungen, „Verblüffend!“, meint er.
Es ist über dreißig Jahre her, aber das erste gemeinsame Erlebnis mit der Nachbarin vergisst er nicht. Oft genug haben sie es ihm geschildert. Auf dem Töpfchen sei er gesessen, im Alter von zweieinhalb Jahren sei er noch in der Küche auf dem grünen Töpfchen gesessen, als es am Fenster klopfte, sie hätten dieses sogleich geöffnet, und die in den Senkungen leicht näselnde Stimme hätte hereingerufen: „Hallo, ich bin die neue Nachbarin, Mein name ist Polatz.“
„Popolatz popo popo popolatz“ hätte er auf dem mint-grünen Topf sitzend infantil grinsend gebrabbelt. Lauter, immer lauter und nachdrücklicher, er hätte gar nicht mehr aufgehört „popo popo popolatz“ zu schreien. Mein Gott sei ihnen das peinlich gewesen, bis heute sei ihnen das peinlich!
Die Nachbarin hat das wahrscheinlich bald vergessen. Oder sie hatte ihm diese Verunglimpfung nicht so übel genommen, wie sie es taten. Sonst hätte ihn Frau Polatz als Kind nicht häufig in ihren Garten gebeten, hätte ihm nicht verschiedenste Früchte aus eigenem Anbau kredenzt. Sie hätte ihm bestimmt keine Grußkarte zur bestandenen Matura geschickt. Auf keinen Fall hätte sie ihn sonst im Krankenhaus besucht, damals als mit ihm gar nichts mehr anzufangen war, als er nur noch zwischen Heulkrämpfen und Wut vegetierte, weil er dabei war, den letzten Rest seiner Sehkraft zu verlieren.
„Hingehen werde ich nicht, nein!“, sagt er und weis auch warum. Das Familienfoto hängt noch immer im Flur, und er will nicht, dass andere wegen ihm lügen müssen. „Besorgt bitte eine Grußkarte und unterschreibt für mich!“, bittet er und „Wieviel gibt man rein, damit’s nicht peinlich wirkt?“, möchte er wissen.
Ob er nicht doch mitkommen wolle, fragen sie, Geschenke, teueren Wein und die Grußkarte in Händen. „Gute Unterhaltung!“, antwortet er und entlässt sie an der Haustüre in den Garten. Er schließt die Tür hinter ihnen, dreht den Schlüssel diesmal sogar dreimal um, wendet sich zur Wand gegenüber, tastet suchend, streicht mit dem rechten Zeigefinger über den edlen Rahmen des Familienfotos, möchte es am liebsten … um wieder an einen Funken ihrer Loyalität glauben zu können, macht es auch heute nicht formuliert seine Hoffnung, spricht sie laut aus, schreit sie eher: „Wenn an diesem Abend jemand wegen mir lügen muss, werde ich es nie, nie erfahren, bitte!“
5.Epilog
Lieber als er selbst, ist ihnen schon lange das Bild von ihm, weiß er. Und er weiß auch, dass sie lieber ihr Bild von ihm unter die Leute bringen wollen, als ihn selbst. Ist einfacher, ist weniger anstrengend, ist nicht andauernd „Was hat der den jetzt schon wieder?“ oder „Was haben wir wieder falsch gemacht?“
Er versteht das! Was er aber nicht versteht und auch nie verstehen möchte ist das „Der merkt das eh nicht!“, denn das missachtet seine Würde und das „Der sieht das eh nicht!“, denn damit nutzen sie seine Behinderung schamlos aus. Das macht ihn traurig und füllt seine für ihn wertlosen Augen regelmäßig mit Tränen und macht sein für sie wertloses ich jedesmal noch ein Stück kleiner.
—
… in der Erkenntnis, dass das Verständnis von Behinderung sich ständig weiterentwickelt und dass Behinderung aus der Wechselwirkung zwischen Menschen mit Beeinträchtigungen und einstellungs- und umweltbedingten Barrieren entsteht, die sie an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern,
Aus der Präambel des „Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ – Fakultativprotokoll 13.12.2006
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p.s.
Was jetzt noch zu sagen wäre, liebe Leserin/lieber Leser: Natürlich habe ich ihm die naheliegendste Frage gestellt, hätte er sie denn nie gebeten, das Foto wieder abzunehmen? „Nein“ hat er geantwortet. „Vielleicht hätten sie mir das sogar versprochen, aber hätte ich es auch geglaubt? Und wen hätte ich denn fragen sollen, ob es auch stimmt? Die Nachbarn? Die Familie? Dann wäre wahrscheinlich gleich das gesamte Bild da oder weg gewesen, je nach dem, wer es gerade betrachtet hätte.“
Diese Erklärung hat mich sogleich auf die schwerwiegendste Frage geführt, die die Geschichte vom Wunderfoto aufgeworfen hat: Wem er denn noch vertraue oder Glaube, habe ich ihn gefragt. Die Antwort blieb er mir schuldig.
Können sie mir helfen?
Furcht:
Die U-Bahntüren öffnen sich. Ich taste mit der Spitze des weißen Stockes nach dem Bahnsteig, steige über den Spalt, quere den Bahnsteig bis zur Wand. Jemand springt über den Stock. Erleichterung: „Das war knapp!“ Ich drehe mich nach links, folge der Wand bis zu den aus der Unterwelt führenden Stufen, wie ich das jeden Tag am Heimweg tue. Vor dem Aufstieg stoppe ich kurz. Ein Druck auf die Armbanduhr. „Pling – Es ist dreiundzwanzig Uhr und dreißig Minute.“ Zwei oder drei Gehetzte überholen mich. „Die nächste Straßenbahn geht um 23 Uhr 39. Die kann ich erreichen.“ Bis zum ersten Treppenabsatz, Stufe für Stufe tastend, dann links, hinauf über die nächste Treppe, geradeaus durch die Teiler. Weiter zu den Ausgangstüren. „Aufpassen, die schnalzen immer so schnell zurück!“ Draußen. Gerade weiter im Fahrzeuglärm, der den Urban Loritz Platz umschließt. Nach 17 Schritten: Die Stockspitze prallt, vibrierendes Scheppern auslösend, gegen ein Hindernis, ein Bauzaun! „Der war mittags noch nicht da.“ Warten, ob mir jemand zu Hilfe kommen könnte. „Nein“ Kein Mensch zu hören. Kurz überlegen, ob ich nach links oder rechts ausweichen soll. „Nach links!“ Ich taste, schlage eher nach der Absperrung, metallische dröhnende Schläge, die Motorengeheul und Bremsengequietsche überdecken. Nach ein paar Metern: Der Bauzaun ändert die Richtung, Er biegt nach links ab, ich folge. Dann windet sich die Absperrung nach rechts. Ich folge abermals, überquere mit dem Zaun Straßenbahngeleise, um danach mit dem Stock eine Stufe zu tasten. Vor mir versperrt ein Geländer den Weg auf die Fahrbahn des Neubaugürtels. „… was auch sinnvoll ist“, denke ich und habe danach die Erkenntnis: „Hier gehts nicht weiter!“
Angst:
Zwei Stimmen kommen näher: „Können sie mir helfen? Ich bin blind und weis nicht mehr weiter. Ich müsste zum Neunundvierziger Richtung Hütteldorf?“
„Na schau, a Blinda!“ Ein Klaps auf den Hinterkopf, ein Schlag in den Bauch. Stechen erfüllt den gesamten Körper. Mein weißer Gesell entgleitet mir. Als der Stich nachlässt, liege ich am kalten, gepflasterten Boden.
Die zwei Stimmen nur noch als Fragmente im Rauschen der mich umschließenden Gürtelautobahn.
„Jetzt ruhig bleiben, keine Panik!“ Der Versuch, auf die Beine zu kommen scheitert. „Wo ist mein Stock?“ Das tastende Suchen nach dem Blindenstock scheitert auch.
„Weg! Der Stock ist weg!“
Der Gedanke, wie viel Cortisol meine Nebennierenrinde jetzt wohl ausstoßen würde, erschreckt mich selbst. „Wie kannst du jetzt an so was denken.“ Erneutes Tasten nach dem Stock. „Jetzt ruhig bleiben, keine Panik, keine Panik!“ Schon jetzt kommt mir das wie ein Mantra vor. „Keine Panik hilft mir jetzt auch nicht. Ich muss warten bis jemand kommt.“
Das Tosen des nächtlichen Gürtelverkehrs wird unerträglich. Ich halte mir die Ohren zu. „Ohren auf, sonst hörst du nicht, wenn jemand kommt!“
Ich schreie gegen den Verkehr, ich beschimpfe die Automonster, ich flehe um Hilfe.
Todesangst:
Stimmen nähern sich. „Sind das die selben, wie vorhin? Nein.“ Man packt mich an den Armen, löst mich vom kalten Nachtboden. „Danke, danke, bitte können sie mir helfen, ich bin gestürzt und finde meinen Blindenstock nicht mehr!“
„Find er sein Stock nimma? Oama Blinda, Schmarotzersau!“ In dem Moment, in dem ich erneut zu Boden gehe: „Ich bin ein Trottel, es waren die selben Stimmen!“
Stille. Resignation.
„Ich will, dass es aus ist!
Mama, ich danke dir, dass du so viel geopfert hast, um deinem blinden Sohn so ein Leben zu ermöglichen.“
„Werd ich jemand fehlen, Nein, naja vielleicht meinen Klienten, was werden die von mir denken, wenn ich morgen nicht zu den vereinbarten Terminen erscheine. Wenn ich doch noch absagen könnte!“
„Arschlöcher, solche Dreckschweine!“
„Bei meinem Nachbarn würd‘ ich mich gern noch entschuldigen. Dem hab ich wohl Unrecht getan.
„Ich bin selber schuld.“
„Rio hätte ich gern noch mal besucht, aber jetzt will ich, dass es endlich aus ist!“
Lösung:
Ich spüre Bewegung. Entfernt vernehme ich eine weibliche Stimme: „Kann ich ihnen helfen?“ Sturzbäche entspringen aus meinen toten Augen. Der jetzt wieder lärmende Verkehr wirkt auf mich wie Musik. Ich flehe: „Bitte, bitte, bitte, wo ist mein Blindenstock?“